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„Volksverführer“ Film

 

Vor 70 Jahren flimmerten die letzten Nazi-Propagandafilme über die wenigen noch intakten Kinoleinwände an der oberen Nahe. Niemals zuvor und danach wurden so viele Menschen in unserer Region derart massiv im Sinne von Fremdenfeindlichkeit und autoritären Rollenmustern beeinflusst wie zwischen 1933 und 1945. Das galt gerade auch für zahlreiche scheinbar unpolitische Unterhaltungsfilme.

Ende 1933 gelangte „Hitlerjunge Quex“, der künstlerisch anspruchsvollste Propagandafilm aus der Anfangsphase des Dritten Reichs, in die Kinos der Provinz Birkenfeld. Junge Leute sollen sich beim Besuch des Films, wie Leni Gombert später schrieb, „nicht ihrer Tränen geschämt“ haben, die sie angesichts der haarsträubenden Geschichte vom quirligen Heini „Quex“ Völler vergossen, als dieser von skrupellosen Kommunisten während eines Wahlkampfs im roten Berliner Beußelkiez erstochen wird. „Hitlerjunge Quex“ verzichtet auf plumpe Belehrungen. Wie die Arbeiterfilme der Weimarer Zeit knüpft er an soziale Notlagen an und will überzeugen. Kommunisten werden durchaus differenziert gezeigt. Denjenigen, die „fehlgeleitet“ erscheinen, wird „Verständnis“ entgegengebracht. Glaubhaft verkörpert Heinrich George, vor 1933 selbst Kommunist, den Typus des unschuldigen Wirtschaftsopfers der „Systemzeit“, das noch für den Nationalismus gewonnen werden kann. Auf Plakaten wurde „Hitlerjunge Quex“ als „Film vom Opfergeist der deutschen Jugend“ dargestellt. Das eigens für das Melodram geschriebene Marschlied „Unsere Fahne flattert uns voran“ entwickelte sich rasch zum „Lied der Hitlerjugend“.   

Wer an die filmische Verführung der Menschen im Dritten Reich denkt, dem fallen zu allererst Machwerke wie „Der ewige Jude“ oder Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ ein. Tatsächlich waren diese Filme auch an der oberen Nahe zu sehen. Aber die Indoktrination aller Generationen und Gesellschaftsschichten durch die Nazis erschöpfte sich keineswegs in solchen allzu offensichtlichen Propagandastreifen, sondern nutzte überaus vielschichtig die Möglichkeiten, die das Medium Film bot – und erreichte dadurch umso mehr Menschen.

Im Birkenfelder HCW-Ton-Theater lockten nicht nur „Triumph des Willens“ oder „Ohm Krüger“, sondern auch Karl Valentins „Kirschen in Nachbars Garten“. Ebenso geschah es in den Jugendfilmstunden der HJ, in den Schulen, bei KdF (Kraft durch Freude)-Filmabenden und überall, wo Filme zum Einsatz kamen.

Neben den regelmäßigen Sondervorstellungen für die Gliederungen der NSDAP gab es für Soldaten, Arbeitsdienstangehörige, Westwallarbeiter sowie die Patienten und das Personal des Lazaretts Baumholder spezielle NS-Filmvorführungen. Über die filmische Zielgruppenbetreuung von Schülern, Jugendlichen und Soldaten hinaus lag der NSDAP vor allem daran, die Bewohner kleiner oder abgelegener Dörfer bzw. Siedlungen zu erreichen. Allein anhand von Presseberichten lassen sich zwischen 1934 und 1944 in mehr als 60 Gemeinden der oberen Naheregion öffentliche Filmvorführungen der Gaufilmstelle nachweisen.

Wie wichtig den Nationalsozialisten die Filmversorgung der Dorfbevölkerung war, zeigte sich besonders während des Weltkriegs. Als infolge Treibstoffmangels der Gaufilmwagen nicht mehr einsatzfähig war, ließ die NSDAP-Kreisleitung das begehrte Fahrzeug kurzerhand mit einem Pferd von Ort zu Ort ziehen und rettete dadurch die überaus populären Filmabende.

Fritz Schupp erinnerte sich noch Jahre später wie die Filmarbeit in seinem Heimatdorf während der NS-Zeit ablief: „In der Schule wurden bis zum Kriegsende alle zwei bis vier Wochen Filme gezeigt. Die Fischbacher Schule verfügte über ein eigenes Vorführgerät und über die bestehende Verdunklungsmöglichkeit konnte man tagsüber ausreichende Bedingungen für Filmvorführungen schaffen. Man musste nicht in das benachbarte Kino Sauer ausweichen. Es wurden sogenannte Kulturfilme gezeigt, die sich mit naturwissenschaftlichen Themen und anderen Dingen auseinandersetzten, es wurden Unterhaltungsfilme gezeigt, und es wurden natürlich auch Propagandafilme vorgeführt.“

Hans R. Queiser, der in Oberstein gegenüber den Modernen Lichtspielen (ab 1951 Juwel Lichtspiele) wohnte, behielt in Erinnerung „daß sich in den Jahren vor dem Krieg die heranwachsenden Jugendlichen inklusive DJ-Führer für Hans Albers, Heinz Rühmann und die Schauspielerinnen ‚ihrer Wahl‘ interessierten, nicht für Propagandafilme (‚SA-Mann Brand‘ und was es da so gab). Ausnahmen (wohl für alle) die Fridericus Rex-Filme und (für mich) etwa ‚Hitlerjunge Quex‘.“

Befand sich das Lichtspielgewerbe 1933 noch in einer wirtschaftlichen Talsohle, stiegen die Besucherzahlen bis 1939 kontinuierlich an, um dann mit Kriegsbeginn in einen regelrechten Boom zu münden. Dazu trugen vor allem auch die Wochenschauen bei. Hatte das HCW-Ton-Theater 1936 dem Karl May Film „Durch die Wüste“ im Vorprogramm den Propagandakurzfilm „Die Straßen Adolf Hitlers“ angefügt, lief es im Krieg oft umgekehrt: Die Wochenschau war etlichen Kinobesuchern wichtiger als der nachfolgende Spielfilm. Allerdings gab es auch Besucher, die versuchten, die Wochenschaupropaganda zu umgehen und erst zum Hauptfilm kamen. Deshalb ließ Joseph Goebbels die zwischen Wochenschau und Spielfilm obligatorische Pause verbieten und die Kinokasse bei Programmbeginn schließen.

Da Karl Haupt früher als die übrigen Kinobesitzer im Kreis Birkenfeld neue Wochenschauausgaben erhielt, war in seinen Idarer Schwan-Lichtspielen der Publikumsandrang besonders groß. Manche Besucher kamen zu Fuß von Niederbrombach. Margret Leiner erinnerte sich Ende der 1990er-Jahre: „Am Gittertor vor dem Eingang gab es häufig ein sehr starkes Gedränge. Einmal drohte sogar einem Kind, ein Arm abgequetscht zu werden.“

Ausgerechnet nach Kriegsbeginn, als die Nazis das Medium Film nötiger denn je hatten, kam es wiederholt zu Unstimmigkeiten in der Goebbels’schen Filmsteuerung. Dies ließ sich auch an der oberen Nahe feststellen.

Bevor gegen Kriegsende im Rahmen illegaler Euthanasieaktionen 240 Behinderte aus der Asbacher Hütte verschleppt wurden, zeigten die Lichtspielhäuser in Idar und Baumholder „Ich klage an“, eines der umstrittensten Filmprojekte der NS-Zeit. Der von Wolfgang Liebeneiner auf Betreiben der „Kanzlei des Führers“ inszenierte Film sollte erklärtermaßen testen, inwieweit die Bevölkerung „Tötung auf Verlangen“ und die „Beseitigung lebensunwerten Lebens“ akzeptierte. Begeistert notierte Goebbels: „Neuer Liebeneiner-Film Ich klage an. Für die Euthanasie. Ein richtiger Diskussionsfilm. Großartig gemacht und ganz nationalsozialistisch. Er wird heißeste Debatten entfachen. Und das ist sein Zweck.“

Allein in Baumholder sahen 1.573 Besucher die Geschichte einer unheilbar an multipler Sklerose erkrankten Arztfrau, die durch eine tödliche Dosis von ihrer Krankheit „erlöst“ werden will. Zu einer propagandistisch nutzbaren Diskussion über die Euthanasie kam es aber nicht, denn wegen der „kritischen Periode des Krieges“ und kirchlichen Widerstands hatten sich Hitler und Goebbels – noch ehe „Ich klage an“ in die Kinos kam – darauf verständigt, „alle Themen im Inneren“ zurückzustellen, die „vom Ziel des Sieges ablenken könnten“. Weitere Euthanasiefilme blieben danach den Kinobesuchern erspart.       

An der oberen Nahe neigte sich die NS-Kinozeit seit Herbst 1944 ihrem Ende entgegen, weil kriegsbedingt keine Filme mehr mit der Bahn angeliefert werden konnten. Nur Ludwig Wirth konnte in Birkenfeld bis zum Einmarsch der Amerikaner im März 1945 sein Lichtspielprogramm ohne nennenswerte Einschränkungen aufrechterhalten, weil sich in seinem Hof ein „bombensicheres“ Gewölbe befand, das die Frankfurter Ufa-Niederlassung als Filmlager nutzte. Das Gift der Nazi-Filmarbeit wirkte aber noch weit über das Kriegsende hinaus und hatte sich in zahlreichen gesellschaftlichen Vorurteilen verfestigt. 


    

Film über das Leben von Rose Ausländer

18. April 2013

Vortrag des Historikers Helmut Braun über das Leben der Rose Ausländer.

Rose Ausländer war eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Geboren 1901 als Rosalie Scherzer in Czernowitz/Bukowina (damals Österreich-Ungarn). Gestorben 1988 in Düsseldorf.

Lebte in Österreich, den USA, Rumänien und Deutschland. Verliert dreimal ihre Staatsbürgerschaft (von Österreich, Rumänien und den USA) und ihre Heimat.

Nach der faschistischen Besetzung der Bukowina ist die jüdisch-deutschsprachige Kultur dort ausgelöscht. Rose Ausländer überlebt mit ihrer Mutter, versteckt von 1943 bis 44, die Ermordung von mehr als 50.000 ihrer jüdischen Mitbürger in der Heimatstadt. Nach dem Krieg in den USA.

1965 Übersiedlung in die BRD. Dort zu Beginn fast völlig unbekannt. Lebt seit 1972 in einem Altenheim in Düsseldorf; ist seit 1978 bettlägerig und verlässt ihr Zimmer nicht mehr. Hat dort ihre produktivste Phase. Schreibt bis zu ihrem Tod 1988 noch mehr als 20 Gedichtbände und kommt zu spätem Ruhm.
Erhält in Deutschland zahlreiche Literaturpreise und das Bundesverdienstkreuz (1984).

 

 

 

 

 


 

Euthanasie im NS- Staat innerhalb der Einrichtungen der Kreuznacher Diakonie

 

Wie kam es bei mir nun schon seit Jahren zur Auseinandersetzung mit dem aufgezeigten Thema?

 

Bilder und Begegnungen gehen mir nicht aus dem Kopf...

 

Als Kind lebte ich unweit des Niederreidenbacher Hofs. Ist es kindliche Erinnerung oder waren es die Erzählungen der Erwachsenen später?

Ich sehe drei bis vier Männer, große Männer in Arztkitteln mit ihren Koffern, die immer sehr früh aufstehen und gut frühstücken in der Pension meiner Mutter, Großmutter und Tante. Danach gehen oder fahren sie zum „Hof, wie wir den Niederreidenbacher Hof damals nannten. Der eine, fest bei uns einquartiert und im Krieg Hausarzt in der Behinderten- und Obdachloseneinrichtung ist meist auch dabei.

Was tun sie dort? Mutter und Großmutter flüstern sich einiges ins Ohr, was ich nicht hören darf...

Ich sehe Frauen – ganz viele – auf dem kleinen Bahnhof „Fischbach – Weierbach“, die eingepfercht in einen Waggon ganz hinten am Zug vorbeifahren und winken, winken... Einige werfen weiße Zettel aus dem Fenster...

In den achtziger Jahren verbringe ich einige Stunden in und um die Heil - und Pflegeanstalten Asbacher Hütte.

Ich sehe wieder viele Frauen mit geistigen, körperlichen oder psychischen Behinderungen, die ganz friedlich im idyllischen Park der ehemals Stumm`schen Villa flanieren oder an Tischen unter uralten Bäumen sitzen, spielen, basteln. Mich erfasst der tiefe Frieden ihrer Umgebung.

Ich denke: Heute trachtet euch keiner mehr nach dem Leben.

Begriffe wie „Euthanasie“, „Gnadentod“, „lebensunwertes Leben“, „Ballastexistenzen“ oder „unnütze Esser“ werden nach 1945 bis in die achtziger Jahre nicht mehr oder nur im Zusammenhang mit den schlimmsten Verbrechen der NS- Zeit benutzt.

In den Zeiten sozialer Kälte und viele Jahrzehnte nach den Euthanasie-Verbrechen gibt es nicht wenige, die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken fordern, die behinderte oder alte Menschen schon wieder unter Kosten- Nutzen – Gesichtspunkten einordnen.

Betrachten wir nun die Zeit der größten Tragödien und das dunkelste Kapitel der Geschichte der Kreuznacher Diakonieanstalten:

Nach dem 2. Weltkrieg gab es mehrere öffentliche Äußerungen zu den Vorgängen der NS – Zeit innerhalb der Kreuznacher Diakonie, zu der das Hofgut „Niederreidenbacher Hof“ seit über 100 Jahren und die Asbacher Hütte seit 118 Jahren gehören; auch Heime in Niederwörresbach und Sobernheim gehören oder gehörten dazu.

Pfarrer Johannes Hanke, der Leiter der gesamten Diakonieanstalten von 1932 bis 1957 sagte nach dem Krieg, auf sein schweres Amt zurückblickend: „Vor unseren Toren wurde der Kindermord abgeblasen, die Todeswelle, der viele Hunderttausend zum Opfer gefallen sind, war zum Stillstand gebracht, der Würgeengel an unserer Tür vorübergegangen.“

1984 wird am Mutterhaus der Kreuznacher Diakonie eine beeindruckende Skulptur errichtet und darunter auf dem Boden über Eisenbahnschienen liegt eine Mahntafel, zu der der Besucher sich herabneigen muss, um sie zu lesen. Der Text lautet:

 

                                   

Auch in den Diakonie-Anstalten Bad Kreuznach

                 haben wir die menschenverachtende Ideologie, welche die Vernichtung lebensunwerten Lebens

                 geistig vorbereitete, nicht klar genug erkannt und sind ihr nicht deutlich genug entgegengetreten.

                 Wir haben an der Zwangssterilisierung mitgewirkt und der sogenannten Verlegung von geistig

                 behinderten Heimbewohnerinnen nicht genug Widerstand entgegengesetzt.

                 Dadurch sind wir mitschuldig geworden an der Ermordung von nahezu 240 Behinderten aus

                 unseren Heimen.

                 Im Gedenken an sie und ihre Angehörigen bitten wir Gott um Vergebung.

 

Auf dem Friedhof der Asbacher Hütte wurde 1993 zum 100jährigen Bestehen ein Gedenkstein mit folgendem Text aufgestellt:

 

                                   240 Frauen, Männer und Kinder

                                   von der Asbacher Hütte

                                   aus Niederwörresbach

                                   vom Niederreidenbacher Hof

                                   aus Sobernheim

                                   wurden am 7. Mai 1943

                                   und am 17. Mai 1944

                                   nach Schieratz, Wien und Meseritz- Obrawalde

                                   deportiet.

                                   Fast alle wurden ermordet.

 

Wir fragen uns: Wie passen die Aussage des Leiters der Diakonie und die Inhalte der Mahntafeln zusammen? Was sind die geschichtlichen Vorgänge, die sich dahinter verbergen?

 

Schon im 19. Jahrhundert und verstärkt in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts befassten sich Wissenschaftler auf der Basis der Darwin’schen Lehre mit Gedanken und Veröffentlichungen zur Auslese der Stärkeren durch Minimierung der Schwächeren. Begriffe wie Sterilisierung und Gnadentod ( Euthanasie ) am unheilbar kranken, am „lebensunwerten Leben“ wurden heftig diskutiert und suchten ihren Weg ins Bewusstsein der Menschen.

Die nationalsozialistische Ideologie bemächtigt sich solcher Strömungen hinsichtlich ihrer „Rassehygiene“ mit Eifer und schon im Juli 1933 wird das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das sog. Sterilisationsgesetz erlassen. Von den Zwangssterilisationen bedroht waren Menschen aus den Formenkreisen des sog. angeborenen Schwachsinns, der Schizophrenie, der Epilepsie, der manischen Depression, der Altersdemenz, aber auch Menschen mit körperlichen Missbildungen, chronische Alkoholiker, Obdachlose und Asoziale gehörten dazu.

1935 folgte das „Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes“, in dem Eheschließungen zwischen geistig behinderten Menschen verboten wurden und Schwangerschaftsabbrüche bei ihnen vorgenommen werden sollten.

Die Propaganda war subtil und tat ihr bestes, um die Meinungsbildung innerhalb der Gesellschaft so zu beeinflussen, dass behindertes Leben als minderwertig, unnütz und unwert empfunden wurde.

So fanden sich in den dreißiger und vierziger Jahren in Mathematikbüchern folgende Aufgaben: „Ein Geisteskranker kostet täglich RM 4.-, ein Krüppel RM 5.50.-... In vielen Fällen hat ein Beamter nur täglich RM 4.-, ein Angestellter kaum 3.50.-, ein ungelernter Arbeiter noch keine RM 2.- auf den Kopf der Familie... Was kostet die Anstaltspflege jährlich bei einem Satz von RM 4.-?... Wieviel Ehestandsdarlehen zu je RM 1000.- könnten von diesem Geld jährlich ausgegeben werden?

In der Presse kursierten Fotos, auf denen prächtige, blumengeschmückte, mit Parks versehene Heilanstalten neben Elendsvierteln in den Städten gezeigt wurden oder eines mit Betreuer und Pflegling, unter dem zu lesen war: „Dieser Pfleger, ein gesunder, kraftvoller Mensch ist nur dazu da, um diesen einen gemeingefährlichen Irren zu betreuen. Müssen wir uns dieses Bildes nicht schämen?“ 3)

Da das „Sterilisationsgesetz“ von 1933 die „Anwendung unmittelbaren Zwanges“ enthielt und die kirchlichen Heil- und Pflegeanstalten auf die staatlichen Pflegegelder angewiesen waren, kam es auch innerhalb der Diakonie – Anstalten Bad Kreuznach zu 234 Sterilisationen an Behinderten und Zwangsarbeiterinnen aus dem Osten. Der Leiter, Pfarrer Hanke und der Chefarzt haben dies auch nach außen verantwortet.

Der Anstaltsarzt des Niederreidenbacher Hofs, der in unserer Pension logierte, hat wahrscheinlich mit Hilfe einer Ärztekommission Zwangssterilisationen auf dem Hof durchgeführt.

Die Zwangssterilisationen waren der Auftakt zu den todbringenden Maßnahmen der Euthanasie.

Auf den 1. September 1939, den Tag des Kriegsausbruchs datiert, schreibt Hitler lapidar: „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen un-heilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann:“ 4)

Gegen diese sog. Ermächtigung zur Euthanasie – eine gesetzliche Grundlage dafür gab es bis 1945 nie – und das Erfassen ihrer Pfleglinge auf den sog. Meldebögen haben sich der Leiter und der Chefarzt der Kreuznacher Anstalten im Verein mit Friedrich von Bodelschwing – Leiter der Betheler Heime – und vor allem mit dem Bischof von Münster August Clemens von Galen standhaft gewehrt. Sie haben damit viele Behinderte vor dem Abtransport in die Tötungsanstalten wie Grafeneck, Hadamar, Hartheim oder Sonnenstein bei Pirna bewahrt.

Bischof von Galen hatte in seiner berühmten Predigt vom 3. August 1941 u.a. folgendes ausgeführt: …. So müssen wir damit rechnen, dass die armen wehrlosen Kranken über kurz oder lang umgebracht werden....weil sie nach dem Gutachten irgendeiner Kommission „lebensunwert“ geworden sind und weil sie nach diesem Gutachten zu den „unproduktiven Volksgenossen“ gehören... Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?...Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den unproduktiven Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden!...“

Bischof Galens Predigt hatte eine ungeheure Wirkung , auch im Ausland, so dass das Regime ab 1941 die Euthanasie- Aktionen T4 die eigentlich immer geheim sein sollten , nach außen hin einstellte. Als „wilde Euthanasie“ gingen sie im Verborgenen weiter.

Die Verlegung jüdischer Heimbewohnerinnen und das für sie drohende Unheil haben die Leiter sowohl in Bethel wie auch in der Kreuznacher Diakonie widerspruchslos hingenommen.

Überlebende der T4 Aktionen haben nach dem Krieg berichtet, dass sie sehr wohl von den Tötungen durch Unterernährung, Spritzen, Erschießen, Vergasen (in geheim gehaltenen Stahlkammern oder durch Zufuhr von Gas in Autos und Busse ) und medizinische Versuche gewusst und sich verzweifelt gewehrt haben. Beispiele: „Als K.W. , eine 19jährige „Schwachsinnige“ merkte, dass sie zum Sammelplatz geführt werden sollte, sprang sie davon. Da erschienen zwei Männer des Transportpersonals und rissen sie, die sich am Treppengeländer und an Türklinken verzweifelt festzuklammern suchte, mit Gewalt fort. Unaufhörlich hallte ihr Weinen und Schreien durch den Hof...“ ( Aufzeichnungen aus der Anstalt Niedernhart ). 5)

Ab 1943 setzten die Euthanasie – Aktionen bedingt durch die Kriegslage, durch Essens- und Raummangel unter dem Decknamen „Aktion Brandt“ verstärkt wieder ein. Jetzt aber wurden die dem Tod Geweihnten sehr weit weg in Tötungszentren in Österreich oder den eroberten Gebieten in Westpolen verlegt.

Pfarrer Hanke, der sich nun kaum noch wehren konnte, versuchte mit der Strategie eines Mittelweges die weniger Behinderten zu retten, indem er die schwer Behinderten preisgab. Diese wurden mit Hilfe der Karteikarten der Diakonie unter der Aufsicht staatlicher Ärzte-kommissionen auf den Meldebögen erfasst und zur Deportation freigegeben. Ein Diakon des Niederreidenbacher Hofs schreibt in diesem Zusammenhang an den Leiter: „...Den Kommissionen reicht man nun den kleinen Finger, damit sie bald die ganze Hand nehmen können, d.h. nach meinem Dafürhalten mit Mördern liebäugeln. Deshalb frage ich: Ist es christlich gehandelt, wenn man meint, die Ärmsten herauszugeben, um die weniger Armen zu retten? Wer gibt uns die Gewähr, dass nicht Letztere über lang oder kurz auch diese Weg gehen müssen?... Hände weg. Hier ist der Teufel am Werk!"

Aus den Heimen der Kreuznacher Diakonie gab es 1943 und 1944 zwei große Transporte mit 240 geistig behinderten Menschen, bei denen der Leiter Hanke kaum noch eine Rolle spielte. Die Abtransportlisten wurden von nationalsozialistischen Obermedizinalräten aufgrund der Kartei-Karten der Diakonie erstellt, der Transport wurde von der Gekrat, einer sog. gemeinnützigen Kranken – Transport – GmbH, d.h. einem Tarnunternehmen der NSDAP durchgeführt.

So werden am 7. Mai 1943 70Frauen, Männer und Kinder vom Niederreidenbacher Hof, 17 Frauen aus Niederwörresbach, 20 Frauen aus Sobernheim und 17 Frauen von der Asbacher Hütte in den Gekrat- Bussen, deren Fensterscheiben innen und außen geschwärzt sind, zur Bahnstation Bad Kreuznach gebracht, um von dort nach Wien in die Tötungsanstalt Steinhof und medizinische Versuchseinrichtungen und nach Wartha bei Schieratz, damals Warthegau, heute Westpolen verlegt zu werden.

Die Angehörigen dieser Menschen bekamen Benachrichtigungen mit diesem Inhalt:

 

Diakonie- Anstalten                                           Bad Kreuznach, 8.5. 1943

Bad Kreznach

 

An

 

In

 

Aufgrund der durch feindliche Luftangriffe bedingten besonderen Verhältnisse musste im Rahmen der von den zuständigen Regierungsstellen angeordneten Freimachungsmaßnahmen die Verlegung des/ der Kranken in die Gauheilanstalt Warta bei Schieratz

Warthegau erfolgen. Die Verlegung ist wegen der bestehenden Dringlichkeit bereits vorgenommen worden.

Wir sind beauftragt, Ihnen mitzuteilen, dass Rückverlegungsanträge nicht berücksichtigt werden können, da es sich bei der Verlegung der Kranken

in weniger luftgefährdete Gebiete um Maßnahmen handelt, die nicht zu vermeiden sind.

 

Mit deutschem Gruß

Heil Hitler

Die Direktion der Diakonie- Anstalten

 

Ein Angehöriger aus Saarbrücken machte wegen der Tochter seiner Frau eine Eingabe an Pfarrer Rentrop auf dem Niederreidenbacher Hof. Er schilderte die vergeblichen Versuche, die Tochter nach Hause zu holen und auch seine Bereitschaft, die Zugfahrt nach Wien zu machen, um Näheres über den Verbleib der Tochter zu erfahren. Ob er eine Antwort erhielt und Näheres erfahren konnte, ist ungewiss. Eher anzunehmen ist, dass diese Angehörigen wie die meisten anderen viel, viel später eine Todesnachricht bekamen.

 

Pfarrer Hanke, der den Transport vom Niederreidenbacher Hof bis Bad Kreuznach begleitet hat, berichtete darüber:“ Es war für unsere Anstalt ein Desaster, ein schwarzer Tag voll Trauer und Tränen, doch müssen wir auch darüber heute bekennen, dass Gott, der Herr treulich geholfen hat, diese drückende und erschreckende Last zu tragen, so dass jetzt auf unserem Hof sich wieder ein frisches, fröhliches Leben durchgesetzt hat.“

Die Diakonisse Herta Deutschewitz allerdings schrieb: „ Die Schwestern, die sie begleitet haben, haben furchtbar darunter gelitten...“

Diese 142 Pfleglinge sollten Platz schaffen für 400 Patienten der zerbombten Anstalt Hephata bei Mönchengladbach.

Der Steinhof bei Wien war ein Zentrum der NS – Medizinverbrechen;

1988 wurde ein Mahnmal für die 7500 getöteten Männer und Frauen und für 800 Kinder errichtet. Seit 2002 gibt es dort eine Gedenkstätte, in der die Opfer mit Namen und Fotos im Plakatformat zu sehen sind.

 Ein Jahr später, am 17. Mai 1944 wurden 98 der schwächsten, geistig behinderten Mädchen und Frauen von der Asbacher Hütte nach Obrawalde bei Meseritz, heute Westpolen in den Tod verbracht. Der Staat brauchte das Heim im Hunsrück für seine Kinderlandverschickung.

Pfarrer Hanke war bei der Abfahrt der Gekrat – Busse, die die Frauen zum Bahnhof Idar- Oberstein für die dreitägige Weiterreise brachten, wieder anwesend, und er berichtete: „Bei der Abfahrt der Busse läuteten die Glocken... ein Weinen und Schluchzen ging durch die Reihen... Uns schnitt es durchs Herz als wäre es Sterbegeläut... Dann kam die große Enttäuschung, ja ich kann sagen, das große Entsetzen über uns, als nach sechs Wochen bereits 64 – vorher gesunde – Pfleglinge gestorben sind... Die Anstalt hat ein Krematorium, und so ist die Kombination nicht schwer...“

Die Angehörigen bekamen mit der Todesnachricht falsche Todesursachen wie Pneumonie, Herzversagen u.a. mitgeteilt, Die Toten waren zu diesem Zeitpunkt längst eingeäschert und schon in der Ferne an unbekannten Orten begraben.

Nur drei der Frauen kehrten auf die Asbacher Hütte zurück: Katharina Dörrenbächer, Helene Hulsch und Irmgard Hinz.

 Die Pflege- und Heilanstalt Obrawalde wurde 1942 zur Stätte systematischer Krankenmorde. Bei Ausgrabungen fand man tausende von Urnen und Massensteinsärge.

Auf einer Mahntafel sind in polnischer Sprache 10 000 Opfer angegeben.

 

 

Im Jahr 2002 haben der Leiter der Diakonie, Pfarrer Dietrich Humrich und ein Mitarbeiter Michael May sechzig Jahre nach der Ermordung der Pfleglinge eine Gedenkfeier auf dem Wiener Zentralfriedhof besucht. Dort sind sieben der Mädchen vom Transport 1943 beerdigt. An sechs der Kinder wurden medizinische Versuche vorgenommen. Ihre präparierten Organe werden bis heute aufbewahrt.

Auf der bewegenden Beisetzungsfeier auf dem Zentralfriedhof wurden die Namen der Getöteten vorgelesen und ihre Passfotos gezeigt. Die sieben Namen aus den hiesigen Anstallten sind: Helga Lehmann, Helga,

Emma, Käthe Holzhauer, Renate Wendel, Ingrid Obendahl, Maria Friede, Johanna Koch, Anna Katharina Kuttler.

Die Beerdigungsfeier stand unter dem Motto eines Überlebenden: „Wenn eine Träne vom Himmel fällt und der Wahnsinn das Herz befällt, was ist die Welt dann noch wert?"

 

Abschließend noch ein Fazit zum Niederreidenbacher Hof, der mir in besonderer Weise am Herzen lag:

Nach den furchtbaren Ereignissen um Euthanasie und die Beherbergung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus der Ukraine, Weißrussland und Russland fielen auf das Koloniegebäude „Hilf mir„ im Februar 1945 noch zwei Fliegerbomben, obgleich das Dach des Gebäudes mit einem großen Roten Kreuz versehen war Dabei wurden 63 Menschen, eine Diakonisse, ein Pfleger, drei Kolonisten und 58 Pfleglinge getötet.

So kann man zusammenfassend sagen: Die Diakonieanstalt Niederreidenbacher Hof war den Stürmen und geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise ausgesetzt. Sie hat trotz aller Anfechtungen und Zerstörungen mit dem christlichen Grundsatz, dass jedes Leben, auch das schwache und behinderte seine eigene Würde hat, nie aufgehört, zu beschützen, zu betreuen und zu fördern.

Leider ist mit der Aufgabe der Landwirtschaft in den 80iger Jahren, dem Brand 2009 und dem Abriss des Gebäudes „Hilf mir“ für die Verbreiterung der B41 2011 nun jedes Leben auf dem Hof zu Ende gegangen.

Gegenwärtig zeugen die leeren, alten, denkmalgeschützten Gebäude von der reichen, verdienstvollen aber auch von Leid und Schuld beladenen Vergangenheit dieses idyllisch gelegenen Ortes am Rande unserer Stadt.

 

 


 

 

Die Judenschaft im oldenburgischen Landesteil Birkenfeld 1817-1937

Zu  einem Vortrag mit H.P. Brandt lädt der Schalom e.V. in die Aula des Gymnasiums an der Heinzenwies ein: Donnerstag 10.Mai 2012 um 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

 

H.P.Brandt wird sich in seinem Vortrag mit einem Zeitabschnitt beschäftigen, der in der heimatkundlichen Literatur bisher kaum behandelt wurde.

Nach der Niederlage Napoleons und der Neuverteilung der linken Rheinlande fiel der Nahe/Westrich-Raum an verschiedene deutsche Territorien (Oldenburg, Sachsen-Coburg, Hessen-Homburg, Preußen und Bayern), die alle kein großes Interesse an diesem wirtschaftlich nicht sonderlich lukrativen Landstrich hatten. Auch gab es zunächst so vielschichtige andere Probleme, dass man sich um die 1-2 % der Unter¬tanen jüdischen Glaubens nicht gesondert kümmerte. Die Neuorganisation der alles dominierenden christlichen Konfessionen stand zunächst auch nicht im Fokus der neuen Landesherrn.

Im neu geschaffenen oldenburgischen Fürstentum wurden aber von Anfang an die jüdischen Bewohner verhältnismäßig gleich behandelt. So förderte der oldenburgische Staat nach einiger Zeit die Gründung einer jüdischen Landesgemeinde, den Bau einer Landessynagoge in Hoppstädten 1834-36 und zahlte – wie für die beiden christlichen Konfessionen auch - einen Zuschuss zum Gehalt der Geistlichen.

Schließlich gab es im ehemaligen oldenburgischen Landesteil Birkenfeld fünf Synagogengemeinden (neben Hoppstädten in Oberstein, Sötern, Bosen und Birkenfeld), ferner temporär 4-5 jüdische Schulen und noch heute erinnern fünf jüdische Friedhöfe hier an die alten jüdischen Gemeinden. Der Gehaltszuschuss für den Landesrabbiner wurde 1932 – nachdem die Nationalsozialisten in Oldenburg (ein Jahr früher als im Reich!) „die Macht ergriffen“ hatten - ersatzlos gestrichen.

 

In Hoppstädten wirkte 1842-1847 Dr. David Einhorn (1809-1879) als Landesrabbiner. Von hier ging er über Schwerin und Ungarn in die USA, wo er schließlich zu einem bedeutenden Reformrabbiner wurde und sich u. a. für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte.

Nachdem die alte Obersteiner Synagoge zu klein geworden war erbaute die jüdische Gemeinde 1876 ein neues Gotteshaus, das von der oldenburgischen Regierung als „eine Zierde der Stadt“ bezeichnet wurde.

Jüdische Bürger wirkten – damals völlig selbstverständlich – in verschiedenen Gemeinderäten, den Gremien der Wirtschaft und in heimischen Vereinen mit und kämpften für ihr deutsches Vaterland im Ersten Weltkrieg. Doch all dies wollte man nach der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht mehr wahrhaben. Die jahrhundertelange Symbiose jüdisch-deutscher Kultur brach zusammen und genau hier setzt die Arbeit des Schalom-Vereins an: Er möchte dem Vergessen entgegenwirken.

 

 

 


 

Vergangene Vorträge

Jüdische Stadtführung Laufersweiler

Am Samstag, 28.5.2011,  14.00 Uhr findet in Laufersweiler eine Führung "Auf
jüdischen Spuren in Laufersweiler"statt. Herr Johann, der sich
ausführlich mit der dortigen jüdischen Geschichte befasst hat, wird die
Synagoge , ehemalige Häuser jüdischer Familien "Gelebtes Leben - Geraubtes
Leben" zeigen und mit uns an der ehemaligen jüdischen Schule vorbei bis zum
Friedhof wandern. Die Führung dauert etwa eine Stunde.
Es wäre vielleicht möglich, Fahrgemeinschaften zu bilden, denn Laufersweiler
ist nicht weit.
Wer Interesse hat, mitzufahren, könnte sich bei mir melden und wir würden
die Fahrt dann organisieren: Anne Sinclair, Tel. 06781/ 27518 oder
anne.sinclair@t-online.de

__________

Buchvorstellung  "In uns brennt jede Wunde"

Gemeinsame Veranstaltung der Stadt und des Schalomvereines inklusive Jazzmusik als Begleitung durch den Abend.

Zeit und Ort:

18. Mai 2011, 20.00 Uhr GöttenbachAula Idar-Oberstein

 _________

 


Schalom - Begegnung mit dem Judentum e.V.