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Gedenkveranstaltung beschäftigte sich mit einer oft vergessenen Opfergruppe


Mehr als 150 Gäste waren anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus in die Göttenbach-Aula gekommen, wo Stadt und Schalom-Verein eine gemeinsame Gedenkveranstaltung ausgerichtet hatten. Das Schwerpunktthema der diesjährigen Veranstaltung, die von Arno und Cosima Logiewa musikalisch umrahmt wurde, bildeten die nationalsozialistischen ‚Euthanasiemaßnahmen’, denen zwischen 1939 und 1945 rund 180.00 psychisch kranke Menschen zum Opfer fielen.
In seiner Begrüßung unterstrich Oberbürgermeister Bruno Zimmer, dass die Auseinandersetzung mit den unmenschlichen Verbrechen zwar schmerzhaft, aber unerlässlich sei. „Denn es gilt, mit der Erinnerung an die damaligen Gräuel für die Zukunft vorzubeugen“, so Zimmer. Zwar würde oft behauptet, Geschichte würde sich nicht wiederholen. Doch angesichts des vor Kurzem von einem Expertengremium veröffentlichten Berichts, wonach der Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung – auch außerhalb rechtsextremer und islamistischer Kreise – nach wie vor weit verbreitet sei, „müssen wir das, was damals geschehen ist und wie es dazu kommen konnte, jeder Generation aufs Neue vermitteln.“
Die Schalom-Vorsitzende, Pfarrerin Jutta Walber, unterstrich in ihrem Grußwort, dass das Thema Euthanasie auch ganz aktuelle Fragestellungen berühre. „Problemfelder wie aktive Sterbehilfe, Gentechnologie oder der Umgang mit einer wachsenden Zahl dementer Menschen gehören zu den drängenden Fragen unserer Zeit.“ Daher müsse man auch heute immer wieder genau hinschauen, wenn durch sprachliche Verharmlosung Menschen diffamiert werden. „Denn so hat es damals auch angefangen“, so Walber.
Im Anschluss las die Kölner Journalistin und Autorin Daniela Martin aus ihrem Buch ‚…die Blumen haben fein geschmeckt’, das die Lebensgeschichte ihrer Urgroßmutter Anna L. erzählt. Sie war im Juli 1940 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein der sogenannten ‚Aktion T 4’ zum Opfer gefallen. In deren Rahmen wurden zwischen 1939 und 1941 im Reichsgebiet in sechs Tötungsanstalten rund 70.000 psychisch kranke Menschen umgebracht. Später erfolgt die sogenannte ‚Vernichtung lebensunwerten Lebens’ direkt in vielen Anstalten und Sanatorien.

Insgesamt wurden bis Kriegsende etwa 180.000 psychisch Kranke – darunter rund 10.000 Kinder und Jugendliche – ermordet. Im Beisein etlicher Familienmitglieder schilderte Daniela Martin in ihrer Lesung eindringlich und detailliert das Schicksal ihrer Ahnin. Mit dem Buch, so ihr Fazit, „wurde meiner ‚verrückten’ Uroma wieder ein Platz in unserer Familiengeschichte gegeben, den sie mit ihrer Ermordung gänzlich verloren hatte.“
In den einführenden Worten zu seiner Ausstellung ‚In Memoriam’ schilderte der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Michael von Cranach, wie die Ausstellung zustande kam. Um 1980 kam erstmals eine neue Psychiater-Generation in die Anstalten, die eine Verpflichtung darin sah, die Verstrickung der Psychiater in das nationalsozialistische ‚Euthanasie-Programm’ aufzuarbeiten. Von Cranach selbst kam damals ans Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren und begann damit, die Geschichte der Einrichtung im ‚Dritten Reich’ zu erforschen. Daraus entstand die Ausstellung ‚In Memoriam’, die erstmals im Rahmen des Weltkongresses für Psychiatrie in Deutschland im Jahr 1999 gezeigt wurde. Die Exponate wurden in Idar-Oberstein durch Material der Kreuznacher Diakonie ergänzt, die schon relativ frühzeitig damit begonnen hatte, dieses Kapitel ihrer Geschichte aufzuarbeiten. „Die Ausstellung“, so von Cranach, „hat vor allem das Ziel, diese oft vergessene Opfergruppe zu würdigen, die betroffenen Angehörigen zu stützen, wieder Vertrauen zu schaffen, zu verstehen, was damals passiert ist und daraus für die Zukunft zu lernen.“ Doch trotz der intensiven Beschäftigung mit dem Thema könne er bis heute eine Frage nicht abschließend beantworten: „Wie hätte ich damals als Psychiater gehandelt?“

 

 

Mehr als 150 Besucher waren zur Gedenkveranstaltung gekommen und besichtigten die Ausstellung ‚In Memoriam’.
 

 

 

Prof. Michael von Cranach, Oberbürgermeister Bruno Zimmer, Autorin Daniela Martin sowie Jutta Walber und Dieter Hochreuther vom Schalom-Verein (v. l.) nach der bewegenden Gedenkveranstaltung.

 


 


Schalom - Begegnung mit dem Judentum e.V.